Ankunft

Einige Stunden später, als ich endlich in New York gelandet war, stand ich noch einmal gut drei Stunden in der Passkontrolle, die sich gefühlt überhaupt nicht bewegte. Es war ein seltsames Gefühl: körperlich schon in den USA, aber mental noch irgendwo über dem Atlantik. Während ich in der Schlange stand, die nur langsam voranging, schaute ich immer mal wieder auf meine App, um den AirTag im Karton zu tracken, der schon längst am Gepäckband angekommen zu sein schien. So lange sich der Tracker nicht bewegt, ist das Fahrrad also noch da. 😉 Als ich dann endlich durch den Zoll war, stand mein Fahrradkarton schon neben dem Gepäckband, als hätte er selbst genug vom Reisen und kein Bock mehr. Ich nahm ihn, ging vor den Flughafeneingang und blieb erst einmal stehen, um tief durchzuatmen und zu realisieren, wo ich eigentlich bin:
Manu allein in New York. Mit Fahrrad. Geil! Eine Feststellung, die sich gleichzeitig aufregend und völlig absurd anfühlte.
Dann begann ich, mein Rad zusammenzubauen. Nicht hektisch, sondern ganz in Ruhe, so wie man es eben macht, wenn man nach einer langen Reise erst einmal ankommen muss. Nach und nach blieben immer mal wieder Leute stehen und schauten mir zu, was ich da so mache. Auch das Flughafenpersonal fragte mich, was ich denn da vorhätte und obwohl ich nicht alles verstand, bekam ich zumindest mit, dass irgendjemand etwas von “fuckin’ crazy guy” sagte, nachdem ich erzählte, dass ich nach San Francisco radeln will. Mein Kopf war noch damit beschäftigt, sich an den amerikanischen Slang zu gewöhnen. Trotzdem waren alle unglaublich freundlich und nahmen mir sogar den Karton ab, was in diesem Moment eine echte Erleichterung war. Denn so ein sperriger Karton passt weder in einen Mülleimer noch unauffällig in die Umgebung – und einen Bomben‑Alarm wegen eines herrenlosen Radkartons am Flughafen wäre ein eher suboptimaler Start in New York gewesen.
Ab zu Ed

Ed hatte mir eine genaue Anleitung geschickt, wie ich mit der Bahn und anschließend mit dem Rad zu ihm komme, und so machte ich mich auf den Weg. Als ich bei ihm ankam, war es bereits dunkel, aber er empfing mich so herzlich, dass ich mich sofort wohlfühlte. Ich konnte duschen, und mein Zimmer im zehnten Stock bot einen Blick auf die Skyline Richtung Manhattan, der mich erst einmal sprachlos machte. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich einschlafen konnte, denn die Eindrücke des Tages, die Geräusche der Stadt und die fremde Sprache wirbelten in meinem Kopf durcheinander. Alles fühlte sich neu und ungewohnt an, und gleichzeitig war ich einfach nur erschöpft.

Der erste Morgen
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, brauchte ich einen Moment, um mich zu sortieren. Ich war tatsächlich in New York. Mit Fahrrad, Zelt, Kocher und ein paar Taschen. Und in ein paar Tagen wollte ich den Kontinent durchqueren. That’s really fuckin’ crazy.
Ed machte Frühstück, und wir sprachen über das Radfahren und meine Reise. Ich verstand nicht alles, aber genug, um zu merken, dass er mir gute Tipps geben wollte. Mein Englisch war eingerostet. Die letzten Netflix-Serien daheim hatte ich auf Englisch mit deutschem Untertitel geschaut, um die Sprache etwas ins Ohr zu bekommen – kein Wunder also, dass sich alles noch ein bisschen fremd anfühlte.
Sightseeing
An diesem Tag machte ich etwas Sightseeing und holte meine Startunterlagen für die 5 Boro Bike Tour ab. Am Abend packte ich meine Sachen und fuhr zu meinem nächsten Gastgeber, Steven. Es war schon recht spät und dunkel. Wir hatten uns in der Nähe eines Donutladens in Brooklyn verabredet. Die Gegend wirkte etwas unheimlich. Ich fühlte mich aber dennoch sicher neben dem Donutladen, denn ein NYPD-Streifenwagen stand direkt daneben – lol. 😀
Steven kam mit dem Rad angerollt, holte mich ab und wir fuhren zu seiner Wohnung. Dort machte ich es mir gemütlich, und ich war froh, dass ich zwei Nächte bleiben konnte, denn so hatte ich noch etwas Zeit, mir die Stadt anzuschauen.
Die 5 Boro Bike Tour
Am Sonntag war es dann so weit. Ich ließ mein Gepäck bei Steven, nahm nur das Rad und fuhr über die Brooklyn Bridge nach Manhattan. Gegen 9:30 Uhr startete die Tour, und mit 30.000 Radfahrern, die in mehreren Wellen losfuhren, war es ein beeindruckendes Bild. Entlang der Strecke standen Cheerleader, Feuerwehr, Polizei, Musikbands und unzählige Menschen, die uns anfeuerten. Es war kein Rennen, sondern eine gemütliche Fahrt durch die Stadt – eine Art Sightseeing-Tour auf zwei Rädern, immerhin über 40 Kilometer.
Kurz vor dem Ende stieg ich aus, weil ich in der Nähe von Stevens Wohnung war. Ich holte meine Ausrüstung, packte alles ans Rad und nahm die Fähre nach Staten Island, um endlich richtig zu starten und New York hinter mir zu lassen.
Der Weg führte mich hauptsächlich durch Wohnsiedlungen – ich war ja immer noch im Speckgürtel von New York City. Etwas später dann begann es zu regnen, und ich hatte meinen ersten Platten – natürlich im Regen. Irgendein Metallteil habe ich mir eingefahren. Gut, dass ich den Schlauch unter einer Brücke wechseln konnte, denn mittlerweile regnete es heftig. Es sollte aber definitiv nicht der letzte Platten sein. Am Abend nahm ich mir ein Motelzimmer und legte mich früh schlafen.
Was für eine Stadt, was für ein Auftakt – und was für ein Scheißwetter. 😀








